Manchmal braucht es ein scheinbar kleines Ereignis, um eine fundamentale Wahrheit über das Leben zu begreifen. In meiner Kindheit war es der Hund meiner Großeltern, der im ungestümen Spiel meine absolute Lieblingspuppe zerfetzte. Für mich als Dreijährige brach damals eine Welt zusammen. Das weiche, vertraute Wesen aus rosa Frottee war plötzlich zerstört und der Schaumstoff quoll aus den aufgerissenen Nähten.

Meine prompte, kindliche Reaktion? Schmerz, Tränen und der dringende Wunsch, dass alles sofort wieder exakt so werden musste wie vorher. Meine Mutter übernahm die Rettungsaktion. Doch egal, wie ordentlich sie nähte: Die Puppe war nicht mehr die selbe.

Genau an diesem Punkt passierte etwas, das meine Sicht auf Krisen bis heute prägt. Statt weiter zu versuchen, das Alte wiederherzustellen, hat meine Mama mir einen neuen Blickwinkel angeboten. Sie hat die Puppe mit dem duftendsten Waschmittel gewaschen, das sie finden konnte. Von da an roch die Puppe anders. Und sie bekam eine neue Besonderheit.

Sie war nicht mehr die alte Puppe. Sie war jetzt meine Gute-Riech-Puppe.

Und sie duftete vor allem an den Stellen, wo die neuen Nähte waren, ganz besonders angenehm. Und so habe ich meine Puppe mit ihren neuen Eigenschaften neu lieben gelernt und mit der Zeit wurde der Druck in mir leiser, den ursprünglichen Zustand zurückholen zu müssen.

Kintsugi: die japanische Kunst, Brüche sichtbar zu machen

An diese Erfahrung mit meiner Gute-Riech-Puppe (ich hab tatsächlich ihren ursprünglichen Namen vergessen) musste ich direkt denken, als ich gut 30 Jahre später zum ersten Mal von Kintsugi gehört habe. Kintsugi ist eine traditionelle japanische Reparaturtechnik für Keramik. Zerbrochene Gefäße werden dabei nicht unsichtbar geklebt, sondern mit Gold sichtbar verbunden. Die Bruchstellen werden nicht versteckt, sondern sogar hervorgehoben. Das Ergebnis ist kein „wie vorher“, sondern etwas Neues. Etwas mit Geschichte.

Natürlich wusste ich von dieser japanischen Kunst als 3-Jährige noch nichts. Meine Mama vermutlich auch nicht und dennoch hat sie ganz unbewusst danach gehandelt.

 

Kintsugi Psychologie: Was seelische Verletzungen mit uns machen

Ich meine, dass wir Kintsugi gut als Metapher für den Umgang mit seelischen Verletzungen, Verlusten und Krisen verstehen können. Es lässt sich ja leider gar nicht vermeiden, dass wir Menschen immer wieder mal Brüche erleben:

Narben aus Gold. Weiterleben nach Krisen

    • Trennungen und Beziehungskrisen

    • Verluste und Trauer

    • psychische Krisen und Überforderung

    • Erfahrungen von Verletzung, Angst oder Enttäuschung

    • Konfrontation mit Krankheiten oder Einschränkungen unserer Beweglichkeit

Oft entsteht dabei der starke Wunsch, den alten Zustand wiederherzustellen. So zu werden wie vorher. Dahin zurückzukehren, wo alles noch „ganz“ war. Doch viele Lebensereignisse lassen sich nicht rückgängig machen.

Ansatz in der Psychotherapie: Nicht zurück, sondern weiter

In der psychotherapeutischen Arbeit geht es also nicht darum, was passiert ist, ungeschehen zu machen. Vielmehr erarbeiten wir Ansätze dafür, einen neuen Umgang mit dem Erlebten zu finden. Die Frage ist also nicht: Wie werde ich wieder die alte Version von mir? Sondern: Wie kann ich mit dem leben, was passiert ist? Oder auch: Was ist trotz allem entstanden?

Seelische Narben als Teil der eigenen Geschichte

Kintsugi macht also sichtbar, dass Brüche nicht verschwinden, jedoch Teil eines neuen Ganzen werden können. Und so ist es auch mit seelischen Narben. Ja, sie bleiben spürbar und erinnern uns an den Schmerz. Gleichzeitig können Sie aber auch erzählen von Überleben, Anpassung an die neue Situation, Entwicklung, innerer Stärke und Weitergehen trotz Krise.

Psychotherapie in meiner Praxis: Einen neuen Blick entwickeln

In meiner Praxis begegne ich häufig dem Wunsch, wieder „der Mensch von früher“ zu sein oder das “alte Leben” zurück zu holen. Dieser Wunsch ist gut verständlich. Und gleichzeitig kann sich etwas verändern, wenn sich der Blick langsam verschiebt. In meiner Praxis biete ich einen geschützten Raum, um genau das zu ermöglichen:

    • den Umgang mit seelischen Verletzungen

    • das Verstehen von Krisenerfahrungen

    • das Entwickeln neuer Perspektiven

    • und das behutsame Integrieren dessen, was nicht mehr rückgängig zu machen ist

Vielleicht entsteht dabei eine neue Form von Ganzheit. Nicht die alte. Aber eine neue.

Ich begleite Sie gerne

Wenn Sie sich in diesen Gedanken wiederfinden oder sich Unterstützung im Umgang mit belastenden Erfahrungen, Verlusten oder inneren Krisen wünschen, melden Sie sich gerne bei mir. Gemeinsam können wir schauen, wie sich neue Perspektiven entwickeln lassen. Und wie das, was zerbrochen ist, einen Platz in Ihrer Geschichte finden kann.

Herzliche Grüße,

Ihre Sabine Eymann

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf dem Blog der Praxis Sabine Eymann unter https://www.psychotherapie-eymann.de/blog-psychische-gesundheit/kintsugi-in-der-psychotherapie-wenn-seelische-verletzungen-teil-der-eigenen-geschichte-werden

Über die Autorin

Sabine Eymann, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Systemischer Coach und Diplom-Betriebswirtin. Sie war über zwei Jahrzehnte in der Personalentwicklung großer Dax-Konzerne tätig. Heute begleitet sie Menschen in psychisch herausfordernden Situationen und persönlichen Lebenskrisen. Weitere Schwerpunkte liegen u.a. in der Behandlung von Ängsten und Depressionen, unkontrollierten Emotionen, wiederkehrenden Mustern in Beziehungen sowie in der Stärkung von Selbstwert und Selbstmitgefühl.

www.psychotherapie-eymann.de