Wir alle machen Fehler. Das lässt sich gar nicht vermeiden.
Wir vergessen etwas, verschätzen uns, sagen etwas Unpassendes oder schaffen etwas nicht so, wie wir es uns vorgenommen haben.
Eigentlich könnte es bei dem Gedanken bleiben: „Das ist gerade schiefgegangen.“ Und bei der Frage: „Was kann ich jetzt tun?“
Doch manchmal gelingt uns genau das nicht. Stattdessen verlieren wir uns in Selbstvorwürfen und sind plötzlich sehr streng mit uns selbst.
„Ich bin einfach zu blöd dafür.“
„Warum kann ich das nicht besser?“
„Ich mache auch immer alles falsch.“
Aus einem konkreten Fehler wird so schnell eine Abwertung der eigenen Person
Natürlich dürfen wir uns darüber ärgern, wenn etwas anders gelaufen ist als wir es uns gewünscht haben. Wir dürfen enttäuscht sein und uns fragen, was wir beim nächsten Mal anders machen können. Wir können Verantwortung übernehmen und uns überlegen, ob wir etwas wiedergutmachen oder verändern möchten.
Schwierig wird es dort, wo die Kritik an dem, was passiert ist, zu einer Kritik an der eigenen Person wird.
„Ich habe einen Fehler gemacht.“
ist etwas anderes als:
„Ich bin ein Fehler.“
Der erste Satz bezieht sich auf eine konkrete Situation. Der zweite macht daraus eine Aussage über den eigenen Wert.
Der Innere Kritiker ist schnell zur Stelle
Vielleicht kennen Sie diese Stimme, die sich nach einem Fehler sofort zu Wort meldet.
„Das hätte dir nicht passieren dürfen. Du bist einfach nicht gut genug. Warum kannst du das nicht besser?“
Unser Innerer Kritiker wartet oft nicht lange. Kaum ist etwas schiefgegangen, beginnt schon die Bewertung.
Solche Gedanken können sich mit der Zeit so vertraut anfühlen, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Wir halten sie für unsere eigene Wahrheit.
Dabei sind Gedanken zunächst einmal auch einfach nur Gedanken. Sie zeigen, wie wir eine Situation gerade bewerten, spiegeln jedoch nicht automatisch die Wahrheit wider.
Gerade Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst kennen diese Stimme besonders gut. Perfektionismus kann dazu führen, dass kleine Fehler schnell sehr groß werden. Aus einem einzelnen Missgeschick wird dann das Gefühl, grundsätzlich nicht zu genügen.
Selbstkritik ist nicht dasselbe wie Selbstreflexion
Natürlich geht es nicht darum, jeden Fehler schönzureden. Selbstreflexion ist wichtig. Wir können uns fragen, was unser Anteil an einer Situation war. Wir können Verantwortung übernehmen, uns entschuldigen, wenn es nötig ist, und überlegen, was wir beim nächsten Mal anders machen möchten.
Dafür müssen wir uns jedoch nicht gleichzeitig selbst abwerten.
Ein Fehler darf ein Fehler bleiben. Er muss nicht zu einem Urteil über den ganzen Menschen werden.
Was bedeutet Selbstmitgefühl?
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, sich selbst ständig zu bestätigen oder alles gutzuheißen. Es bedeutet vielmehr, sich auch dann mit Verständnis zu begegnen, wenn etwas nicht funktioniert, wenn man einen Fehler gemacht hat oder wenn man gerade nicht besonders stolz auf sich ist.
Vielleicht hilft Ihnen dabei eine einfache Frage:
Wie würde ich mit einem Menschen sprechen, den ich sehr mag und der gerade genau das erlebt, was ich selbst erlebe?
Wahrscheinlich würden wir nicht sofort sagen: „Du bist einfach zu blöd dafür.“
Wir würden vielleicht zuhören. Wir würden versuchen zu verstehen, was passiert ist. Und vielleicht würden wir gemeinsam überlegen, wie es weitergehen kann.
Diese Haltung können wir Schritt für Schritt auch uns selbst gegenüber entwickeln.
Selbstmitgefühl kann dabei helfen, mit schwierigen Gefühlen und belastenden Situationen besser umzugehen. Wenn wir uns nach einem Fehler nicht zusätzlich mit Vorwürfen unter Druck setzen, kann es leichter werden, wieder etwas Abstand zu gewinnen und klarer zu sehen.
Auch bei Rückschlägen kann eine mitfühlendere Haltung hilfreich sein. Statt uns nach einer Enttäuschung immer weiter abzuwerten, können wir uns fragen: Was brauche ich jetzt? Was kann ich daraus lernen?
Das bedeutet nicht, dass wir nicht bereit sind, uns zu verändern. Ganz im Gegenteil: Wenn wir uns für einen Fehler nicht zusätzlich bestrafen, kann es leichter werden, Verantwortung zu übernehmen und etwas anders zu machen.
Es geht also nicht darum, sich alles durchgehen zu lassen. Es geht darum, Veränderung nicht mit Selbstbestrafung zu verwechseln.
Drei Fragen für schwierige Momente
Wenn Sie merken, dass Ihr Innerer Kritiker gerade sehr laut wird, können Sie einmal innehalten und sich fragen:
Was ist tatsächlich passiert?
Versuchen Sie, die Situation zu beschreiben, ohne sich dabei selbst abzuwerten.
Was sage ich gerade über mich als Person?
Vielleicht stellen Sie fest, dass aus einem konkreten Fehler sehr schnell ein „Ich bin zu dumm“, „Ich bin unfähig“ oder „Ich mache immer alles falsch“ geworden ist.
Was wäre eine faire und gleichzeitig ehrliche Aussage für mich selbst?
Nicht beschönigend, aber auch nicht verletzend.
Zum Beispiel: „Das ist gerade schiefgegangen. Ich ärgere mich darüber. Aber deshalb bin ich kein Versager.“
Ein anderer Umgang mit sich selbst
Vielleicht können wir uns nicht immer davon abhalten, streng mit uns zu sein. Aber wir können lernen, diese Stimme wahrzunehmen und aufmerksam zu sein, wann aus einem Fehler eine Selbstabwertung wird.
Und dann können wir uns bewusst daran erinnern:
Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bin nicht der Fehler.
Das ist ein wichtiger Schritt zu mehr Selbstmitgefühl und damit auch zu einem freundlicheren Umgang mit sich selbst.
Wenn Sie merken, dass Selbstkritik, Perfektionismus oder das Gefühl, nie gut genug zu sein, Sie im Alltag zunehmend belasten, bin ich gerne für Sie da. Gemeinsam können wir schauen, woher diese Muster kommen und wie Sie lernen können, sich selbst mit mehr Verständnis zu begegnen.
Über die Autorin
Sabine Eymann, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Verhaltenstherapeutin, Systemischer Coach und Diplom-Betriebswirtin. Sie war über zwei Jahrzehnte in der Personalentwicklung großer Dax-Konzerne tätig. Heute begleitet sie Menschen in psychisch herausfordernden Situationen und persönlichen Lebenskrisen. Weitere Schwerpunkte liegen u.a. in der Behandlung von Ängsten und Depressionen, unkontrollierten Emotionen, wiederkehrenden Mustern in Beziehungen sowie in der Stärkung von Selbstwert und Selbstmitgefühl.